Eine dreiteilige Interview-Reihe über unser erstes abgeschlossenes Projekt mit der Blauen Insel eG
Vor genau 7 Jahren hat sich die Genossenschaft Blaue Insel eG einen Teil des Neubauquartiers “Schöneberger Linse” im Erbbaurechtsmodell sichern können. Seit zweieinhalb Jahren beleben und verwalten die Mitglieder der Genossenschaft diesen Ort nun selbst. Im gemeinsamen Wohnprojekt hat sich für Anna der Familienalltag auf besondere Weise verändert. Im Interview erzählt Anna, was es bedeutet, Kinder in einer Hausgemeinschaft aufwachsen zu sehen, wie aus Nachbarn Vertraute werden und warum sich das Leben hier manchmal wie in einem kleinen Dorf mitten in Berlin anfühlt.
September 2026. Ich sitze bei Anna in der Küche, im 6. Stock der Blauen Insel Genossenschaft. Anna erzählt mir, dass ein Freund sie durch die Planung begleitet und die Küche aus einem einzigen Baumstamm gefertigt hat. Der Blick aus dem Fenster der Küche geht in den Hof und über das Quartier. Auf der anderen Seite, von der Gemeinschaftsterrasse aus, öffnet sich der Blick weit über die Stadt: Ganz nah steht der Gasometer, im Westen zeichnet sich der Teufelsberg ab, und in der Ferne ist die Goldelse zu sehen.
Teil 2: Aufwachsen in der Schöneberger Linse
Serena [ucb]: Als ich gerade [an den Laubengängen] vorbeigelaufen bin, habe ich gesehen, dass dort viele Kinderspielsachen liegen und die Terassen zur Spielstraße werden. Du meintest, es gibt sehr viele Kinder in der Genossenschaft. Wie nehmen die Kinder das Haus wahr?
Anna: Die Laubengänge, aber auch das gesamte Haus und der Hof sind ein riesiger Freiraum für die Kinder. Sie können sich hier ganz anders bewegen, als mein Kind das in unserer vorherigen Wohnung konnte. Sie können einfach auf die „Vier“ gehen und schauen, was es dort zu essen gibt und wer gerade zu Hause ist. Sie sind sehr selbstbestimmt in der Gestaltung ihrer Zeit und haben viele Freunde im Haus. Diese Freundschaften sind nicht nur besonders, weil die Kinder sehr viel Zeit miteinander verbringen. Sie erleben in unterschiedlichen Familien unterschiedliche „Normals“, unterschiedliche Gewohnheiten und Regeln. Es gibt hier mehr erwachsene Bezugspersonen als nur die eigenen Eltern. Ich finde es schön, dass ich zu vielen Kindern Beziehungen habe und im Alltag mit ihnen zu tun habe. Diese gemeinsame Verantwortung schafft die Freiräume, in denen sich die Kinder selbstständig bewegen können.
Serena [ucb] : Wie ist das entstanden?

Anna: Diese Dynamik ist gewachsen – durch spielende Kinder und durch die Möglichkeiten, die Gemeinschaftsorte wie die Laubengänge oder der Hof bieten. Von Tag eins an haben die Kinder das gelebt. Sie haben sich gegenseitig besucht, ihre Schuhe oder Spielzeuge vergessen und dadurch auch die Eltern zusammengebracht. An manchen Stellen ist das intensiver als an anderen. Manche Eltern denken in Sorgepartnerschaften und leben das bewusst.
Serena [ucb]: Es gibt also kein Rezept, das für alle Genossenschaften oder Eltern funktioniert. Aber hier gibt es mehrere Faktoren, die das überhaupt möglich machen.
Anna: Ja. Die Architektur und die ganze Struktur des Projekts schaffen die Möglichkeit. Allein schon die Laubengänge und eine Hausordnung, die sagt „Spielen erlaubt.“ machen einen Unterschied, und die Häufung von Familien mit Kindern im Grundschulalter sowieso. Aber die Menschen müssen sie durch ihr eigenes Handeln mit Leben füllen. Die Beziehungen und Strukturen entstehen erst dadurch.
Serena [ucb]: Du hast es schon ein paar Mal erwähnt: Was sind typische Situationen, in denen die Kinder selbstbestimmt sein können und gleichzeitig geteilte Sorgearbeit stattfindet? Hast du da ein Beispiel für uns?

Anna: Ich nehme eine ganz alltägliche Situation von gestern. Ich habe mein Kind von der Schule abgeholt und er hat gesagt, dass er mit einem Freund aus dem Haus zum Grillen im Kleingarten verabredet ist. Ich hab ihn dort abgesetzt und danach ist er ohne elterliche Begleitung, aber nicht allein, nach Hause gekommen. Das war ein schöner Moment, gerade weil er so alltäglich ist. Oder wenn er nach Hause kommt, kurz den Schulranzen abstellt und dann in den Hof flitzt, um zu schauen, wer da ist. Das ist für mich inzwischen ganz normal, obwohl es alles andere als selbstverständlich ist. Am Anfang war es ungewohnt, nicht immer zu wissen, wo mein Kind gerade ist. Aber ich konnte sehr schnell Vertrauen entwickeln. Für die Kinder ist dieser Hof, dieses Haus eine riesengroße Welt mit tausend Dingen zu entdecken. Gleichzeitig ist die nächste Person, mit der ich verbunden bin, immer in Sichtweite. Wenn etwas ist, bekomme ich es gleich mit. Wir haben einen Messenger-Chat mit den Eltern der Kinder, die schon allein unterwegs sein dürfen. Wenn du dein Kind gerade vermisst, fragst du dort und bekommst eine kurze Info oder manchmal auch ein Foto. Dann weißt du: Es geht ihm gut, es hat gegessen und wird wahrscheinlich noch ein bisschen spielen. Diese Räume und diese Gemeinschaft geben auch mir Freiraum.
Serena [ucb]: Das erinnert mich an meine Kindheit in Italien, auf dem Dorf. Irgendwie schön.
Anna: Das Bild vom „urbanen Dorf“ passt hier sehr gut. Es gibt einen Mikrokosmos, in dem ein etwas anderes Leben möglich ist – ein Leben, in dem man mehr miteinander zu tun hat und im Alltag mit viel mehr Menschen in Kontakt ist.
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